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Schweizvon Christian Lüthi EinleitungDer Beginn der Ortsgeschichtsschreibung in der Schweiz liegt um 1850, obwohl es einzelne topografische Beschreibungen im Kontext der Aufklärung in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts gab. Die liberale Revolution um 1830 in der Mehrzahl der Kantone und 1848 auf nationaler Ebene bildeten den Auftakt für die Beschäftigung mit Lokalgeschichte. Die Liberalen verstanden die Ortsgeschichte als Instrument der Volksbildung; diese wiederum war für sie eine Voraussetzung für eine funktionierende Demokratie. Bis ins 20. Jahrhundert war die Lokalgeschichte geprägt von nicht akademisch ausgebildeten Historikern wie Lehrer, Pfarrer oder Gemeindepolitiker. Neben diesen Einzelpersonen waren lokale und regionale Geschichtsvereine sowie teilweise die Universitäten Akteure in diesem Feld. Im schweizerischen Staatsaufbau haben die Gemeinden eine starke Position. Bereits im 19. Jahrhundert war «Heimatkunde» Unterrichtsfach in der Primarschule. Lokalgeschichte war deshalb auch in der breiten Bevölkerung verankert. Die Autoren und Auftraggeber beabsichtigen mit ihren historischen Publikationen, die Identifikation der lokalen Bevölkerung mit der Wohngemeinde zu stärken. Im 20. Jahrhundert erschienen in den meisten Gemeinden Ortsmonografien. Nach 1980 stieg die Zahl der publizierten Ortsgeschichten stark an. Gattungen und PublikationenDie am meisten verbreitete Form ist die Monografie über einen Ort, die neben der Geschichte im engeren Sinn ein breites Themenspektrum abdeckt: Geologie, Flurnamen, Wirtschaft, Bevölkerung, Schule, Armenwesen, Gesundheitswesen, Kirche, Verkehr und Ortsplanung. Vor allem das Schulwesen und die Kirchengeschichte werden oft ausführlich dargestellt, da diese Bereiche stark auf die Gemeinden ausgerichtet sind. Manche Ortsgeschichten enthalten in lexikalischer Form Kurzporträts von Vereinen, Firmen und Parteien. Viele dieser Publikationen betrachten bloss den porträtierten Ort und blenden die übergeordneten Entwicklungen aus. Die Abstützung auf Erkenntnisse der universitären Forschung fehlt häufig. Den Anstoss zu den Publikationen geben Autoren, Jubiläen oder die Gemeindebehörden. Normalerweise finanzieren die Gemeinden die Buchproduktion. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts erschienen unzählige Foto- und Bildbände zu einzelnen Gemeinden und Städten. Ferner existieren in der Schweiz rund 200 Jahrbücher und Zeitschriften von lokalen, regionalen und kantonalen historischen Vereinen. Ein weitere Gattung sind die Kantonsgeschichten, die seit dem 19. Jahrhundert in sämtlichen 26 Kantonen der Schweiz erschienen. Seit 1980 nahm die Zahl der veröffentlichten Kantonsgeschichten parallel zum Boom in der Ortsgeschichte zu. Die Kantonsgeschichten gehen punktuell auch auf die Vergangenheit einzelner Gemeinden ein. Neuere Stadtgeschichten liegen nur für zwei der zehn grössten Schweizer Städte vor (Basel, Bern). In vielen Kantonen, zum Beispiel im Aargau und im Thurgau, existieren über Kleinstädte neuere Überblicksdarstellungen. Das akademische FeldDie meisten Universitäten kümmerten sich lange kaum um Ortsgeschichten. Eine Ausnahme bildet die Universität Zürich, wo bereits im 19. Jahrhundert eine akademisch ausgerichtete Ortsgeschichtsschreibung entstand. Nach 1960 untersuchten die Universitäten mit der Hinwendung zur Sozial- und Wirtschaftsgeschichte vermehrt einzelne Gemeinden. Dabei versuchten Historikerinnen und Historiker, anhand lokaler Quellenbestände den sozialen Wandel zu erklären. Dieser problemorientierte, analytische Zugang zur Ortsgeschichte stellte einen Bruch mit der traditionellen Lokalhistoriografie dar. In jüngster Zeit sind vermehrt akademisch ausgebildete Leute in der Lokalgeschichte tätig. Dieser Trend zur Professionalisierung hat zu einer gewissen Annäherung der Ortsgeschichte an die universitäre Forschung geführt. In der Schweiz existieren keine universitäre Institutionen und keine Lehrstühle für Stadtgeschichte. Die einzige Professur, die sich explizit mit der Stadt befasst, befindet sich am Institut für Geschichte und Theorie der Architektur der Eidgenössischen Technischen Hochschüle in Zürich (www.gta.arch.ethz.ch). 1995 hat sich ein Schweizer Arbeitskreis für Stadtgeschichte (http://www.hist.unizh.ch/SAK/start.htm) gebildet, der sich epochenübergreifend mit Stadtgeschichte befasst und in unregelmässigen Abständen Tagungen durchführt. Institutionen, Organisationen, NetzwerkeZahlreiche Vereine engagieren sich im lokalen Rahmen für die Geschichte. Die kantonalen Historischen Gesellschaften sind weitere Akteure in diesem Feld. Eine nationale Vereinigung für Ortsgeschichte existiert in der Schweiz nicht; auch die Schweizerische Gesellschaft für Geschichte (http://www.sgg-ssh.ch) hat keine entsprechende Sektion. Wichtige Institutionen sind Archive, Bibliotheken und Museen, die in Kantonen und Gemeinden Materialien bereitstellen und die sich auch selber aktiv in der Ortsgeschichtsschreibung betätigen. Der Verein Schweizerischer Archivarinnen und Archivare (VSA) bietet verschiedene Plattformen und Hilfsmittel für die Geschichtsschreibung in der Schweiz an (www.vsa-aas.org). Einstiegshilfen vermitteln zwei nationale Institutionen. Erstens publiziert das Historische Lexikon der Schweiz (www.dhs.ch) seit 1998 zu sämtlichen der rund 3000 Gemeinden der Schweiz einen Überblicksartikel in gedruckter Form und im Internet. Zweitens verfügt die Schweizerische Nationalbibliothek (www.nb.admin.ch) über eine umfangreiche Sammlung von ortshistorisch relevantem Material (auch graue Literatur). Dies gilt ebenso für die Kantonsbibliotheken, welche Materialien zu ihrem Territorium sammeln. In den meisten Kantonen erscheinen jährliche Bibliografien zur kantonalen Geschichte und Landeskunde. Das Internet wird noch kaum als Plattform für die Ortsgeschichte genutzt. Einzig einige Kantonsbibliotheken stellen digitale Materialien zur Geschichte ihres Einzugsgebietes online zur Verfügung: Digibern, Berner Kultur und Geschichte im Internet (www.digibern.ch); Rerodoc (http://doc.rero.ch). Gut vernetzt und im Internet präsent ist auch die Familienforschung (Swiss Genealogy on the Internet, http://www.eye.ch/swissgen). Bibliografie und NachweiseBaumann, Max: Orts- und Regionalgeschichte. In: Schneider, Boris; Python, Francis (Hrsg.): Geschichtsforschung in der Schweiz. Bilanz und Perspektiven 1991. Basel, 1992, 417–428. Zuerst erschienen in: Schweizerische Zeitschrift für Geschichte, 41 (1991), 169–180. Brändli, Sebastian: Konstruierte Heimat. Zürcher Gemeinden im Bundesstaat. Ortsgeschichte und nationale Identitätsbildung. In: Schweizerische Zeitschrift für Geschichte, 51 (2001), 318–341. Brändli, Sebastian: Lokalgeschichte als Geschichtsschreibung von unten? Zürcher Ortsgeschichten: Anlässe, Autoren, Themen. In: Geschichte schreiben in Zürich. Die Rolle der Antiquarischen Gesellschaft bei der Erforschung und Pflege der Vergangenheit. Zürich, 2002 (Mitteilungen der Antiquarischen Gesellschaft in Zürich, Bd. 69), 59–92. Coutaz, Gilbert: Panorama des monographies communales. Un premier bilan à l’occasion du bicentenaire du canton de Vaud. In:Revue historique vaudoise, 111 (2003), 94–239. Fritzsche, Bruno: Moderne Stadtgeschichte. In: Schweizerische Zeitschrift für Geschichte, 41 (1991), 29–37. Lüthi, Christian. Ortsgeschichtsschreibung im Kanton Bern. Bestandesaufnahme und Trends der letzten Jahrzehnte. In: Berner Zeitschrift für Geschichte und Heimatkunde, Jg. 67 (2005), 1–36. http://www.bzgh.ch/1_05/luethi.pdf Körner, Martin (Hg.): Bibliographie der Stadtgeschichte der Schweiz von 1986 bis 1997. Bern, 2002. Meier, Bruno: Geschichtsschreibung im Lokalen. Ergebnisse und Trends aus dem Aargau in den letzten 25 Jahren. In: Argovia, 115 (2003), 39–45. Salathé, René: Ein Blick auf die Gipfelflur der landeskundlichen Forschung im Kanton Basel-Landschaft. In: Baselbieter Heimatblätter, Jg. 66 (2001), 97–120. Walter, François: La Suisse urbaine, 1750–1950. Carouge-Genève, 1994. Weblinks
AutorVerantwortlich für diesen Beitrag: Christian Lüthi (christian.luethi@ub.unibe.ch), Historiker, lic. phil., Universitätsbibliothek Bern. |
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